Wer sich für die technischen Hintergründe interessiert und des Englischen mächtig ist, dem empfehle ich das ausführliche Video (über 40 min.) zum NASA-Report von Scott Manley:
Er geht sehr ausführlich auf die ausgefallenen RCS-Triebwerke ein, welche beim Anflug zur ISS zu einem 15 minütigem Komplettausfall der Steuerbarkeit (zumindest in X-Richtung) des Starliners geführt haben, weshalb dieser Vorfall auch als "Kategorie A" eingestuft wurde.
Er zeigt auch auf, dass der Bericht deutlich macht, dass die unzuverlässige Funktion der RCS-Triebwerke bereits bei OFT1 und OFT 2 ein großes Problem war und wie das zu den Problemen mit CFT geführt hat.
Ein Problem scheint die Unterbringung zahlreicher RCS-Triebwerke unterschiedlicher Ausrichtung und Funktion in engen Anbauten an der Außenhülle ("dog houses") zu sein.
Die Enge und Nähe zu anderen Triebwerken führt zu ungelösten Problemen beim Wärmehaushalt der Triebwerke.
Verstärkt wurde das noch, zumindest bei einem besonders betroffenen "dog house", durch heiße Rückströmung der Triebwerksabgase, bedingt durch die Konstruktion des am Servicemodul verbleibenden Teils des "Abstoßungsrings", der für Verbindung mit bzw. die Trennung von der Rakete notwendig ist.
Das größte Problem scheinen jedoch die Ventile bzw. die Ventilsitze bzw. -dichtungen in den Treibstoffleitungen (Oxidator) zu sein.
Diese sind aus Teflon, was an sich nicht durch den Oxidator zersetzt wird.
Aber es wird weicher, quillt u.U. auf und verändert seine Form.
Im Ergebnis reduziert sich die Menge des durchfließenden Mediums, im ungünstigsten Fall bis auf Null.
Auch hat man festgestellt, dass O-Ringe, welche ebenfalls in den Ventilen eingesetzt wurden, um die pneumatische Antriebsseite mit Helium von der aggressiven Oxidator-Seite abzudichten, nicht für diesen Einsatzfall zertifiziert waren.
Im Ergebnis und über die gesamte Flugdauer wurden diese Dichtungen immer undichter und haben zu Heliumverlust geführt.
Neben den RCS am Servicemodul gab es auch noch ein Problem bzw. einen Ausfall der Lagekontrolltriebwerke, welche beim Abstieg der Kapsel für die korrekte Ausrichtung während des Wiedereintritts in die Atmosphäre sorgen.
Diese sind paarweise angeordnet und jeweils die zwei Triebwerke eines Paars sind redundant zueinander ausgelegt.
Eines dieser Triebwerke ist während des (in diesem Fall unbemenschten) Abstiegs ausgefallen.
Das verbleibende Triebwerk hatte somit eine Null-Fehler-Toleranz bzw. wäre es auch noch ausgefallen, wäre ein LOC (bei Menschen an Bord) aus Sicht der NASA unvermeidlich gewesen!
Scott Manley sagt, dies hätte im Vorfeld auffallen müssen, denn das würde den Vorgaben zu Sicherheitsreserven der NASA widersprechen.
Das erstaunt mich sehr, denn ob etwas mit einfacher, zweifacher oder noch höherer Redundanz auszulegen ist, sollte doch vorher allen klar sein.
Wie kann man dann diese Triebwerke nur einfach redundant planen?
Bis zwei oder drei können die Techniker von Boeing zählen und man sieht es von außen, d.h. auch die NASA-Leute haben das gesehen.
Bei diesem Punkt kann ich Scott Manley nicht ganz folgen bzw. müsste man vielleicht doch noch mal in den Original-Bericht sehen, wie das die NASA selbst bewertet.Insgesamt wurde auch festgestellt, dass die Telemetrie nicht für die anfallenden Datenmengen ausgelegt war bzw. nicht in der notwendigen Menge zur Erde transferiert bzw. gespeichert werden konnte.
Ein grundsätzliches strukturelles Problem scheint die fehlende Einsicht und Kontrollmöglichkeit durch die NASA gewesen zu sein bzw. hat oder musste man sich auf die Aussagen von Boeing verlassen.
Meine Interpretation: Anders als z.B. bei Orion "kauft" die NASA bei Dragon und Starliner nur die Dienstleistung und bezahlt in der Entwicklung das Erreichen von Meilensteinen.
Statt volle Kontrolle über jeden Schritt, jedes einzelne Dokument und jedes einzelne Bauteil (--> O-Ringe), hat man sich darauf verlassen (müssen), dass Boeing und SpaceX selbst für die Einhaltung aller sicherheitsrelevanter Vorgaben und Maßnahmen Sorge tragen.Scott Manley verweist darauf, dass SpaceX durch die Cargo-Dragon den Vorteil hatte, ohne Menschen zahlreiche (Test-)Flüge machen zu können, um dann erst die Crew-Dragon zu entwickeln.
Viele Grüße
Rücksturz